#1 Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von ZottelHGA 18.07.2012 17:40

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Allgemeines über die Sprachaudiometrie:

In der Sprachaudiometrie bzw. bei den Sprachverständlichkeitstests/-messungen handelt es sich um Methoden der Untersuchung der Fähigkeit einer Person, Sprach zu hören und vorallem zu verstehen.
Hierbei hören die Probanten über einen Kopfhörer Worte in einer definierten Lautstärke und sollen diese dann anchsprechen. Die Worte an sich sind phonetisch [-> Phonetik ist die Wissenschaft von Lauten und Sprache] aufeinander abgestimmt. Das gängigste sprachaudiologische Verfahren ist der Freiburger Sprachverständlichkeitstest, neben ihm existieren noch s.g. Satztests, wie der Oldenburger Satztest oder der Marburger Satztest, bei denen anstatt Worte ganze Sätze zum Einsatz kommen.
Diesen Tests wird in der Hörgeräteakustik allerdings eher weniger Bedeutung zugeschrieben, da in Deutschland nur der [immer wieder überarbeitete] Freiburger Sprachversändlichkeitstest verordnungswirksam geworden ist und sich in der Praxis gegenüber den anderen Tests durchgesetzt hat und somit als DIN 45621-1 standartisiert wurde.

Der Freiburger Sprachverständlichkeitstest:

Der "Freiburger", wie er unter Hörgeräteakustikern auch gerne genannt wird, lässt sich grob in 2 Spalten teilen. Die Mehrsilbermessung [MS] und die Einsilbermessung [ES]. Die Mehrsilber, also 2-4 silbige Zahlwörter sind in 10 Gruppen á jeweils 10 Zahlen unterteilt und die Einsilber, bestehend aus Nomen, in 10 Gruppen á 20 Wörter. Aus den Messergebnissen lassen sich dann folgende Kenndaten ablesen:

Hörverlust für Zahlen --> MS-Kurve
Diskrimmination(-sverlust) --> ES-Kurve
dBOptimal [dBopt] --> ES-Kurve
U-Schwelle für Sprache --> MS Kurve

Die Mehrsilbermessung

Zuerst werden die Mehrsilber gemessen um den Hörverlust in dB bestimmen zu können. Man wählt seinen Einstiegspunkt abhand des Pegelwertes 500Hz + 15dB SL [beides aus dem TA -> Tonaudiogramm ] und strebt ein Ergebnis zwischen 30-70%, bestenfalls 50%, auf der Disskrimminationsskala an.
Mit Hilfe des ermittelten MS-messpunktes zieht man eine Linie [aussehend wie die Normkurve MS], die den entsprechenden Hörverlust [in dB] schneidet. Zahlwröter an sich sind leichter zu verstehen als einsilbige Worte, denn aufgrund ihrer Länge ist bei ihnen eine wesentlich höhere Redudanz [-> Wiedererkennungswert] zu finden, als bei kurzen, kontextlosen "Explosiv-Wörtern" Daher muss die MS-Kurve immer vor der ES-Kurve aufgenommen werden.

Die U-Schwelle im Sprachaudiogramm

Nachdem man nun die Grenze des Hörfelds vorne durch die MS-Kurve gekenntzeichnet hat, widmet man sich der hinteren Begrenzung, der U-Schwelle.
Sie beschreibt den Punk im Hörfeld des Probanten, wo der Pegel maximal erträglich bzw. unangenehm für ihn ist. Die U-Schwelle im Sprachaudiogramm liegt im Normalfall, tendenziell, 10 dB hinter der US TA [-> U-Schwelle im Tonaudiogramm]. Die Messung wird ebenfalls mit Zahlwörtern durchgeführt, da jene vom Probanten besser ertragen werden können, als kurze, wörtlich gemeinte, Explosiv-Worte.

Die Einsiblermessung

Nachdem man nun die MS-Kurve und die US SPA aufgenomen hat, kann man sich um die letzte Messeinheit der sprachaudiologischen Messung zuwenden, die Einsilbermessung. Um einen konkreten Einstiegspunkt für die ES-Kurve wählen zu können, sollte die oben beschriebenen Werte vorhanden sein, mindestens jedoch die MS-Kurve.
Gehen wir von der oben beschriebenen Begrenzung aus, so ist der Dynamikbereich so einzuteilen, dass man drei Messpunkte im gleichbleibenden Abstand wählen kann, so dass man mindestens einen " schlechten" und einen "guten" Wert [also so nah wie möglich an die 100 % Diskrimmination dran] erhält. Man orientiert sich bei der Wahl der Einstiegswerte an denen, die E.Lehnhardt im Zufe seines Lebenswerkes geschaffen hat:

65, 80, 95,110 dB [immer + 15dB]

Aus der Einsilberkurve lässt sich der s.g. dBopt ablesen. Er findet sich immer an dem Messpunkt mit der höchsten Diskrimminations am leisesten Pegel und beschreibt den Punkt des besten Sprachverstehens des Probanten. Der Einsilbertest kann nur dann mit 100% Diskrimmination abgeschlossen werden, wenn jedes Phonem korrekt verstanden und anchgesprochen wurde. So kann der Schallempfindungsgeschädigte auch beim [individuell] optimalen Pegel nicht alle ES korrekt verstehen. Dies lässt sich auf ein nicht-intaktes Innenohr oder eine retrocochleäre Schädigung zurückführen. Hier spricht man dann von einem Diskrimminationsverlust.

Abschluss

Im Allgemeinen haben Wörtertest mit realer Sprache wenig zu tun, dennoch bilden SIE als normiertes Verfahren die Möglichkeit Sprachverständniss messtechnisch darzustellen und für die vergleichenden Anpassungen heranzuziehen. Ihre ständige Überarbeitung kommt ihnen dabei auch zu gute und ermöglicht vielleicht in Zukunft einen höheren Alltagsbezug.

Ich hoffe ich konnte allen Einsteigern in die Sprachaudiometrie mit diesem Essay helfen.

#2 RE: Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von Invitro 18.02.2013 19:41

Hallo du schreibst:

Zuerst werden die Mehrsilber gemessen um den Hörverlust in dB bestimmen zu können. Man wählt seinen Einstiegspunkt abhand des Pegelwertes 500Hz + 15dB SL [beides aus dem TA -> Tonaudiogramm ] und strebt ein Ergebnis zwischen 30-70%, bestenfalls 50%, auf der Disskrimminationsskala an.

Aber meine Frage diesbezüglich wäre jetzt (die Übrigens auch fast IMMER vom Prüfer gefragt wird in der Zwischenprüfung) warum muss man gerade 500Hz + 15dB SL wählen ??? Ich weiss die Antwort leider nicht 100 %. weiß das hier jemand zufällig (ist sehr Wichtig für die Zwischenprüfung)

#3 RE: Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von jomo62 19.02.2013 10:10

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Ich hätte da geantwortet, daß dies ein empirischer Wert ist, der sich durch die Praxis mit dem Freiburger herauskristallisiert hat.
500 Hz als Hauptgewichtung bei den Formanten läßt eben gerade mal noch Sprache in Ruhe zu ca. 50% verstehen, wenn
die Lautstärke 15-20dB über der Hörschwelle von 500Hz liegt.
Vielleicht nicht wissenschaftlich erschöpfend aber ein Ansatz.

jomo

#4 RE: Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von Ohrengold 19.02.2013 14:02

Die Mehrsilberkurve bezieht sich auf Vokalverstehen... Vokale liegen alle so um 500 Hz
Es gibt aber auch noch andere Rechen-Ansätze um auf den richtigen Startpegel zu kommen : (500Hz Pegel + bessere Nachbar frequenz /2) +15dB oder (250Hz+500Hz+750Hz /3) +15dB

#5 RE: Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von Fakefart 20.02.2013 11:18

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TA ist HL und SPA ist SPL
Der Normalhörende versteht bei gemittelt 18,5 dB 50% Zahlen
Die einen schlagen 20 dB drauf, andere meinen 15 dB wären ausreichend, da scheiden sich die Geister.
Man kann auch mitteln, s.o.
Für das Verstehen der Zahlen sind die Vokale ausschlaggebend, die Energie der Vokale befindet sich im Bereich bis 1kHz.
Der HV für Zahlen stimmt meist mit dem LL Wert 500 Hz aus dem TA überein. (mittlere Skala im SPA), der SPL Pegel (untere Skala) ist um ~20 dB verschoben.
EIn Hörverlust bei 500 Hz 30 dB wird mit 50 dB SPL gemessen und würde einen Wert von 30 dB HV für Zahlen erreichen.

#6 RE: Die Sprachaudiometrie - Ein Essay von Sebastian Armann 04.07.2016 09:11

Ergänzungs- bzw. Verständnisfrage.

Siehe Bild
links TA HV 500 Hz 30 dB dann im SA HV Zahlen 30 dB 50% (mittlere Skala) gemessen mit 50 dB SPL (untere Skala)
rechts TA HV 500 Hz 60 dB dann im SA HV Zahlen 60 dB 50% (mittlere Skala) gemessen mit 80 dB SPL (untere Skala)

habe ich das richtig verstanden?

LG und Danke

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